Tagebuch eines Praktikanten
Nach einer Idee von Leander Haußmann
Aufgeschrieben von David Gruschka*. Das Tagebuch wird täglich aktualisiert!

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23.11.2002
Letzter Drehtag! Erneut Mauer, nur mit weniger Statisten. Nach Mittagspause wieder etwas aufgeheitert worden, als es Besuch von zwei Odnungshütern gab, die eine allgemeine Drehgenehmigung sehen wollten und wohl dachten, wir hätten das alles mal einfach so aufgebaut, in der Hoffnung, dass kein Polizist des Weges kommt. Ihnen lag Anwohnerbeschwerde vor, der darauf mit Schampus beigelegt wurde. Anscheinend erfolgreich, da Thorsten Ranft noch bis vier Uhr morgens, laut „Wahnsinn“ schreiend, die Straße entlang rennen konnte, ohne beworfen zu werden. Den Rest des Champagners zusammen mit anderen Delikatessen als Einstand des Produzenten zu uns genommen. Hab zwischen zwei Häppchen zufällig heiteres Gespräch von Claus Frank und A. mitgehört. Meinte meinen Namen gehört zu haben und schlich unbemerkt näher. Die Drei scheinbar über mein Buch am reden. Konnte so etwas verstehen wie: „Ganz nett und bemüht aber unerhört eitel, dilettantisch konstruiert, völlig überzogen und absolut narzisstisch.“ Haben sich danach auf die Schulter geklopft und gegenseitig für die Lehmann-Zusammenarbeit gelobt. Bin anhaltend schockiert, so verkannt zu werden. Kein Wunder, dass es dem deutschen Film so schlecht geht. Schließlich noch Umzug zum Milchhof, wo Grenzübergang als letzte Szene gedreht wurde. Danach langer Applaus für einen herausragenden Hauptdarsteller. Nun also alles unabänderlich im Kasten... ...Ob Peter die fahrigen Regieausfälle im Schneideraum wohl ausbügeln kann?

22.11.2002
Guten Preis für die Comtecs erzielt. Heute erst Telefonzelle gedreht, bevor es dunkel genug für Mauerszene war. Dann zwei Straßen weiter zur „Mauer“ gefahren. Die Blocker berichteten über rege Reaktionen der Anwohner und Passanten. „Weiter bauen“ häufigster Kommentar. Zum Drehbeginn kamen auf ein mal ein paar hundert Statisten aus einem riesigen Zelt und es konnte losgehen. A. tat so, als ob all der Aufwand zur Feier seiner Person veranstaltet wurde und stolzierte wie ein Gockel übers Set. Trotzdem sehr gute Stimmung im Team. Der Ruf „Cut“ musste per Megaphon übertragen werden, da feiernde Statistenhorde sich überhaupt nicht mehr beruhigen ließ. Habe während der Mittagspause versucht Frank ab zu passen. War jedoch merkwürdig abweisend. Gab vor, noch etwas mit Oberbeleuchter besprechen zu müssen. Ihn aber kurz darauf mit Leander in dessen Trailer gesehen. Die Beiden schienen sich prächtig zu amüsieren. Meinte mein Drehbuch aufge-schlagen vor Frank auf dem Tisch gesehen zu haben. War sehr irritiert. Später erster und einziger Besuch vom Autor am Set. A. machte natürlich sofort auf dicke Hose, als ob er die Mauer mit eigenen Händen aufgebaut hätte. Umgang der Teammitglieder untereinander inzwischen sehr vertraut. Komisch, dass morgen letzter Drehtag sein soll...

19.11.2002
Zweiter Tag im „Abfall“. A.´s Euphorie deutlich nachgelassen und im Auto stark verkatert gewesen. Hat die Szene (mit einem Bein bereits in der Mittagspause) zuende gebracht, um endlich erstes Konterbier trinken zu können. Habe in Mittagspause endlich mal suchen können und 3 Kopfhörer sowie 4 Comtecs in A.´s Trailer gefunden. A. und Schukrafft gemeinsam angetroffen und enttäuscht gemeldet, nichts finden zu können. A. hat sie Tonmeister aus schlechtem Gewissen direkt ersetzt, um es sich mit dieser Abteilung nicht auch noch zu verscherzen. A. an „Christines Wohnung“ erneut uninteressiert gewesen und sie in 2,3 Einstellungen hin geschludert. Hat noch nicht einmal Gegenschuss auf Lehmann drehen lassen. Armer Peter Adam. Nach Drehschluss Claus vor seinem Auto abgepasst und ihn auf mein Buch angesprochen. War sehr höflich-reserviert. Bedauerte, in der nächsten Zeit viele andere Projekte zu haben und fragte, ob ich vor meinem ersten Spielfilm nicht noch ein paar Kurzfilme machen wolle. War stark verwundert und kann mir sein Verhalten nicht erklären.

18.11.2002
A.´s Laune grenzte an Euphorie! Fühlte sich wie Godard und Kubrick in einer Person, nachdem er, vom langen Tresen inspiriert, die Idee hatte, die ganze Szene im „Café Abfall“ in Fahrten am Tresen entlang zu drehen. In der Szene spielten die Trinker-Freunde von Lehmann mal wieder mit, die nicht nur Lehmanns Trinker-Freunde sind. A. daher nach Mittagspause fast aus Trailer gekippt, als ob mit seiner Idee die Szene bereits im Kasten wäre. In Mittagspause versucht Claus aufs Buch an zu sprechen. War sehr kurz angebunden und schien mir direkt aus zu weichen. Hatte wohl wichtigen Termin. Morgen zweiter Tag „Abfall“ und danach noch „Christines Wohnung“, da A. am Achten ja keine Lust mehr auf die Szene hatte.

17.11.2002
Habe mich mit der Video-Combo weit weggestellt, sah nicht wirklich koscher aus. Bedenken waren Gott sei dank unnötig und nach erfolgreichem Zusammenbruch Applaus für die verantwortlichen Dekonstrukteure. Wäre nicht Kunstwerk vernünftig zusammen-gebrochen wäre es wahrscheinlich A. Morgen vorletztes richtiges Set: „Abfall“.

16.11.2002
Die armen Atelierbesitzer. Die Ausstattungsabteilung hat ihr Atelier total zugemüllt um dort Karls Wohnung zu drehen. Sven hat (wie der Hund vor Otto) total versagt. Er wollte nicht fliegen und wenn, dann kam man mit der Kamera nicht hinterher. Haben also nur Takes von ihm, in denen er sich gar nicht bewegt. Scheine kein wirkliches Talent zum Tier-Caster zu haben. Morgen steht die „Dekonstruktion“ auf dem Programm, die Szene, in der Karl sein fünf Meter hohes Kunstwerk zerstört. Wenn es nicht so klappt, wie es gedacht ist, müssen sie es stundenlang wieder zusammenbauen. Seid wir Szenen mit Karls Kunstwerk drehen, täglicher Besuch von Claus. Heute endlich mal ruhige Minute gefunden und ihm mein Drehbuch gegeben. Hat versprochen es aufmerksam zu lesen. Nach dem Drehtag Frank abgepasst und ihm ebenfalls mein Drehbuch gegeben.

15.11.2002
Heute also erster Drehtag im Milchhof. Konnten aber erst mit Verzögerung anfangen, da A. nach Streit mit Produktionsleitung zum Schmollen in eine Eck-Kneipe verschwunden war. Team durchs lange Warten sehr ungehalten. Entging A. nicht und versuchte daher möglichst unauffällig ans Set zurückzukehren. Wolfgang Schukrafft, der Tonmeister, bat mich vor Mittagspause, doch endlich alle Kopfhörer und Comtecs, die A. inzwischen verloren gemacht hat, in seinem Trailer zu suchen, mit der Drohung, die seien sehr teuer. Hab in Mittagspause einen Schmetterling in einem Scheinwerfer gefunden. Wir haben ihn Sven genannt und wollen morgen eine Szene mit ihm drehen.

12.11.2002
Heute Abnahme von Karls Kunstwerk im Milchhof. Hund seit Wochen ungewaschen, musste aber trotzdem mit ins Auto. A. versuchte sich mit angeblichen „Drüsenkrankheiten“ seines Köters aus der Verantwortung zu ziehen. Auf dem Weg zum Motiv mal wieder die alte „Unsere-wilden-Jahre-an-der-Ernst-Busch-Leier“ Das Loch im Hof zum darrunterliegenden Atelier heute ohne Glasabdeckung, weil Kunstwerk raus ragt. Hab den Köter mit Salami ganz wild gemacht. Köter ist ihr sogar nachgesprungen, konnte sich aber leider gerade noch auf Kunstwerk festkrallen. A. ganz fasziniert, dachte Köter hätte sich gemerkt, dass dort vormals Glasplatte das Loch abdeckte. Sind alle sehr skeptisch, ob Kunstwerk wohl ohne Probleme in sich zusammen stürzen wird. Den Abend frei gehabt und mein Drehbuch fertig gestellt. Bin sehr zufrieden und versuche in nächsten Tagen günstigen Moment ab zu passen, um Claus zu begeistern.

11.11.2002
Schon wieder im Urbankrankenhaus gedreht. Habe Etikettendrucker für Medikamentendosen gefunden und ihn in den, ungewöhnlich langen, Lichtumbaupausen ausprobiert. Ist normalerweise Spezialgebiet von Bibbi, der Set-Aufnahmeleiterin jemandem Sticker anzukleben, hab aber trotzdem A. seinen Spitznamen hinten draufetikettiert. A. irritiert über heitere Stimmung. Anfrage vom Tonmeister, doch bitte mal zu schauen wo all die Kopfhörer und Comtecs Geblieben sind, die er A. laufend gibt. A. die Pausen über damit beschäftigt gewesen, sich vor Christoph Waltz, Buck, Christian und Frank zu produzieren. Hat mich dann vor allen runter geputzt, weil ich gähnen musste.

10.11.2002
Vor Hinfahrt zum Müggelsee schon zwei Aspirin plus C genommen. A. ist, wie erwartet, hustend und niesend ins Auto gestiegen. Hatte abends zuvor die Angst, nicht gerade abwehrkräftestärkend, in Alkohol ertränkt. Zusammen mit den Temperaturwechseln von gestern nun stark erkältet. Haben dann die Szene im Minoa-Kino gedreht. A. lag, nach kurzem Hoch, als er die Kinozuschauer dirigieren durfte, den Rest des Drehtages völlig fertig auf Sofa rum.

09.11.2002
Heute Nacht die Szene im „Elefant“ gedreht. A. stark unter Druck gewesen, wegen nicht gedrehter Szene von gestern. Selbst Claus machte keinen Hehl aus seiner Missbilligung. A.´s Nervenkostüm wurde jedoch in letzter Sekunde durch die Präsenz seiner alten Freundin Steffi Kühnert halbwegs gerettet. Hatte ansonsten heute zum ersten Mal mit größerem Zusammenbruch der Regie gerechnet. Während Mittagessen Claus Boje unverfänglich auf mein Drehbuch angesprochen. Schien irgendwie interessiert, wollte sich komischerweise aber nicht genauer dazu äußern. Die ganze Nacht Regen und klamme Kälte. Idee gehabt und A.’s eh überheizten Trailer noch wärmer gestellt und später die Autoheizung hoch gestellt. A. daher die ganze Nacht fast sommerlich bekleidet durch die kalte Regennacht gerannt.

08.11.2002
Heute ein entspannter Drehtag im Hotelfoyer, abgesehen von den Reportern vor dem Set. A. nach wenigen Stunden schon völlig gar. Haben daher zweites Motiv „Christines“ Wohnung nicht mehr geschafft. Unter anderem weil A. auf Rückweg seine Lieblingsserie „Malcom in the Middle“ nicht verpassen wollte. Lachte auch bei den dümmsten Witzen und war beleidigt, dass ich nicht mitlachte. Bin inzwischen ganz froh beim fahren kein Bild mehr zu haben. Hund mal wieder nicht zu überriechen gewesen. Bin gespannt ob Motiv überhaupt noch gedreht wird. A. scheint es innerlich bereits aufgegeben zu haben.

07.11.2002
Heute in der Eisenbahnstraße Lehmann´s Wohnung gedreht. Plan voll aufgegangen. Als erster Kran mit Scheinwerfern im Hof aufgebaut wurde ist labiler Nachbar direkt durchgedreht und fing an Beleuchter mit schweren Gegenständen zu bewerfen. Nach halber Stunde Polizei am Set. Nach einer Stunde das SEK, da erstes „Einsatzkommando“ vom Nachbarn nicht ernst genommen wurde. Doch auch SEK konnte ihn erst nach drei Stunden fassen, da Nachbar in Kunst des Fassadenkletterns bewandert war. Haben alles gefilmt und ans Fernsehen verkauft, um wenigstens ein bisschen in die Praktikantenkasse zu bekommen. A. durch den Zwischenfall wieder nah an Nervenzusammenbruch.

06.11.2002
A. nach den drei freien Tagen merkwürdig entspannt und gesammelt, dabei hatten wir ihn fast soweit. Morgen der Dreh an der Eisenbahnstraße. Musste an erste Motivtour dorthin zurückdenken, als wir den Bewaffneten in Ledermontur trafen. Bin abends noch ans morgige Set. Hab im Hof Anwohner getroffen, der argwöhnisch, erste Drehvorbereitungen für morgen beäugte. Schien psychisch stark labil und vermutete, dass der ganze Aufwand nur betrieben werde, um ihn auszuspionieren. Habe seine Version der Welt bestätigt und ihm erzählt, morgen käme Filmteam um gemeinen Dokumentarfilm über seine gescheiterte Existenz zu drehen. Hat mir einige Schimpfwörter und leere Flaschen nachgeworfen.

04.11.2002
Würde Kunstlicht bräunen wäre ich schwarz nach hause gefahren. Auf dem Weg nach Berlin dann noch Zwischenstopp bei Computerexperte Björn in Münster gemacht, wegen blödem Versprechen an A.. Haben im Münsteraner „Ghetto“ zwielichtigen Computer gekauft, der Neu daherkommt, aber schon ein Jahr weg hat und höchstens noch eins machen wird. Den Rest des Tages Quittungen gefälscht und am Abend mit Björn und Philipp nach Berlin gefahren.

03.11.2002
Als aller erstes heute morgen die 17 Takes der schwierigen Szene von gestern auf der Video-Combo geschaut. Der Erste war natürlich am besten. Hatte A. wirklich gedacht, er hätte in seinem Zustand gestern irgend etwas verbessern können? Liegen jetzt zeitlich allerdings arg zurück. Da es letzter Drehtag in Köln ist, wird lange Nacht erwartet. Ab planmäßigem Drehschluss des öfteren Besuch von Aufnahmeleitung und Produktionsleitung. A. extrem unter Druck. Musste mal wieder viel ertragen. Am Ende Drehschlusswette aufgestellt. Unter der Hand mit einigen Teammitgliedern auch über A.´s nervlichen Zustand Wetten abgeschlossen und uns prächtig amüsiert. Drehschlusswette gewannen die beiden Pessimistischsten um 5 Uhr morgens.

02.11.2002
Heute also die große Schweinebraten-Szene. A. auf Hinfahrt bereits nervlich am Ende und kaum am Set die Schauspieler nervös gemacht. Daher eine Szene 17 Mal drehen müssen. Hitze tat ihr übriges und A. ließ mich eine „Cola mit extra Eis“ (mit Schuss) nach der anderen holen. Haben diesen Code entwickelt, weil A. Angst hat, Team könnte es als Zeichen von Schwäche sehen. (Na da lägen sie aber mächtig daneben, har, har.) Auf Rückfahrt war sein Hemd immer noch schweißnass, was bestimmt nicht an der Hitze lag. Abends Drehbuch weiter verfeinert. Sehr gute Ideen gehabt.

01.11.2002
Auf der Hinfahrt zum Studio wieder debile Fernsehserien ertragen müssen. Drehtag etwas dröge, da alle Kräfte für die beiden kommenden Tage sparen. Am Abend endlich mal wieder Zeit gefunden an meinem Drehbuch weiter zu schreiben.

...Fortsetzung folgt!

* Persönlicher Assistent von Leander Haußmann während der ganzen Produktionszeit